Birsfelden – Symphonie einer Vorstadt

Birsfelden grenzt im Südosten an die Stadt Basel und wird von den Flüssen Birs und Rhein gerahmt sowie von der Autobahn und Zugverbindung. Die Geschichte der Gemeinde verbirgt sich im Namen: Lange Zeit war der Ort nichts weiter als ein Acker (mit einem Gutshaus) an der Birs. Heute ist das ehemalige Feld komplett ausgenutzt. Die letzten Lücken wurden in den 60er und 70er Jahren geschlossen als sich die Vorstadt zu einer Arbeiter- und Gewerblerinnengemeinde entwickelt hatte. Diese präsentiert sich als seltsames Amalgam aus Hafenareal, Schrebergärten, Grünzonen, einer stark befahrenen Durchgangsstrasse und ruhigen Wohnquartieren, wo sich Hochhäuser, Einfamilien- und Reihenhäuser bunt mischen.

Auf Einladung des Instituts Architektur der FHNW (Christina Schumacher und Barbara Lehnherr) durfte ich eine Gruppe von 45 Studierenden vom Campus Muttenz her durch dieses spannende suburbane Potpourri führen. Der Titel «Birsfelden – Symphonie einer Vorstadt» spielt auf Walter Ruthmanns «Berlin – Die Sinfonie der Großstadt» von 1927 an, der über einen Tag den Rhythmus des Alltags von Berlin zeigt. Daran anschliessend übernahm ich zum einen die Strukturierung des Spaziergangs in mehrere Akte, denen bestimmte Tempi oder Stimmungen entsprechen, und die sich durch möglichst grosse Kontraste auszeichnen. Zum andern impliziert das Verständnis der (Vor-)Stadt als Symphonie – vielleicht auch als Gesamtkunstwerk – eine Wahrnehmung jenseits der Fixierung auf das rein Visuelle. Die Aufforderung an die Studierenden war entsprechend, sich darauf einzustellen, die durchwanderte Umgebung mit allen Sinnen wahrzunehmen.

Um die nicht-visuellen Sinne zu aktivieren, haben wir zu Beginn vom Campus Muttenz aus einen Blind Walk entlang der geraden und sehr geschäftigen Hofackstrasse durchgeführt. Wieder sehend haben wir anschliessend die Fussgänger:innen- und Velobrücke über die Gleise und Autobahn nach Birsfelden überschritten, wobei sich die Kluft zwischen gefühlten und tatsächlichem Grenzverlauf zwischen den beiden Gemeinden gezeigt hat. Von dieser Anhöhe sind wir ins Birstal hinabgestiegen und fanden uns vor dem verschlossenen Tor eines Schrebergartens, das wir jedoch mit einem Kniff, den mir zwei Pächterinnen bei der ersten Begehung gezeigt hatten, öffnen konnten. Als Heterotopien in Grenzlagen sind Schrebergärten per se bestechende Orte, an diesem spezifischen konnten wir aber zugleich einer Live-Transformation beiwohnen: Zur Erweiterung der angrenzenden Kläranlage ist ein Grossteil der Parzellen und Häuschen plattgemacht worden.

Nach einem kurzen Stück entlang der Strasse haben wir diese zum Birsufer hin verlassen. Der Wechsel vom Strassenraum zum Ufergebiet ging mit einem markanten Temperaturunterschied einher; bereits an diesem sonnigen Märznachmittag staute sich auf dem Asphalt die Wärme, während uns der durchgrünte Flussraum mit einer kühlen Brise empfing.

Nach der Birsidylle konfrontierten wir uns mit dem, was in der kernlosen Gemeinde am ehesten einem Zentrum entspricht. Wir marschierten der Hauptstrasse entlang bis zum Siedlungsende, das von der Tramendstation und dem abrupten Abbruch der Siedlungsstrukturen untermauert wird. Die Strasse war selbst an zu dieser «off-peak-Zeit» rege befahren.

Die letzte Etappe führte durch ein kurzes Waldstück zu drei Wohntürmen auf grüner Rasenfläche, die von einem markant geschwungenen Fussweg gesäumt war. Dass wir mit unserer grossen Gruppe diesem halb-privaten Weg gefolgt sind und uns streng an seine Windungen gehalten hatten, wurde von Anwohnenden mit misstrauischen Blicken kommentiert. Anschliessend setzten wir unseren Weg durch das Siedlungslabyrinth fort, das still und ausgestorben wirkte, was von der Grabesruhe eines Friedhofs, den wir durchquerten, nochmal bestärkt wurde.

Im Sternenfeld angekommen, endete meine für diese Symphonie komponierte Route. Hier war einst einer der grössten Flughäfen der Schweiz und nach der Stilllegung in den 50er Jahren fanden sich informelle Akteure ein: Altstoffhändler, die in Baracken hausten, von denen aber kaum Zeugnisse vorhanden sind. Heute ist das Gebiet mit einer Wohnsiedlung überbaut.

Zum Schluss haben wir diskutiert, wie man diese Vorstadt auf einen Begriff bringen könnte. Was wäre ein Trailer oder Titel für diesen multisensorischen Film, den wir auf unserer Reise durch Birsfelden wahrgenommen haben? Hervorgehoben wurden vor allem die Kontraste: einerseits das parkartige Birsufer, andererseits die Tankstellen und der Lärm des Durchgangsverkehrs. Den Widerspruch zwischen (lebenswertem) Ort und Nicht-Ort, Aufenthalt und Durchfahrt hat eine Studentin auf den treffenden Slogan «Autos und Spielplätze» gebracht. Es könnte ein ironischer Werbespruch sein der um Identität und Geschichte ringenden 10’000-Seelengemeinde.

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