
Immer am ersten Wochenende im Mai finden in Städten auf der ganzen Welt Spaziergänge statt, sogenannte Jane’s Walks, zu ehren der 2006 verstorbenen amerikanischen Aktivistin und Städtebaukritikerin Jane Jacobs. Die Idee solcher Spaziergänge besteht darin, die sozialen, oft unsichtbaren Aspekte eines Quartiers sichtbar zu machen und den Bewohnerinnen und Bewohnern eine Stimme zu geben. Das war auch das Ziel des Spaziergangs «Zuhause in Wittigkofen», am 3. Mai 2025, organisiert von Henriette Lutz und Patrick Düblin von der Berner Fachhochschule und in Zusammenarbeit mit Fussverkehr Schweiz und Open House Bern. Das Publikum war entsprechend gemischt: unter den rund 30 Teilnehmenden fanden sich sowohl Studierende als auch Interessierte aus unterschiedlichen Altersgruppen.
Der erste Teil des Rundgangs führte entlang von sechs Stationen durch die modernistische Siedlung im Südosten von Bern. Dem Publikum wurde jeweils eine Frage mitgegeben (z. B. «Was empfinden Sie beim Blick in die Ferne?», «Wie orientieren sie sich in der Siedlung?»), die man gehend bis zum nächsten Standort diskutierte. Im zweiten Teil trafen wir Bewohnerinnen der Siedlung. Lies und Stefanie Munz vom lokalen Quartierverein berichteten uns im etwas ausgestorbenen Einkaufszentrum von aktuellen Problemen, Chancen und Wünschen in Bezug auf den sozialen Zusammenhalt des Quartiers. Anschliessend trafen wir die Architektin Danae Winter auf der Dachterrasse eines der Hochhäuser. Die Lifte liessen lange auf sich warten; derjenige für die geraden Geschosse bewegte sich gar nicht, weshalb einige der jüngeren Teilnehmenden entschlossen, die 25 Stockwerke zu Fuss zu erklimmen.

Jane Jacobs hätte beim Anblick von Wittigkofen wahrscheinlich erst einmal die Nase gerümpft. In den 1950er Jahren hatte sie sich gegen den Abriss von bestehenden Stadtvierteln engagiert und verurteilte die darauffolgenden modernen Projekte. In der Regel waren es Hochhausquartiere, die durchgrünt waren und ordentlich daherkamen, aber in denen das Leben fehlte – sie wirkten eher wie säuberlich herausgeputzte Friedhöfe, schrieb sie. Die Siedlung Wittigkofen wurde zwar erst in den 1970er Jahren fertiggestellt und nur als Fragment des ursprünglichen Vorhabens. Sie stammt aber aus dem Denken moderner Stadtplaner um Le Corbusier und Konsorten, die sich die Gesellschaft der Zukunft in vertikalen Gartenstädten vorstellten: in Superhochhäusern auf Grünflächen sah man das Gegenmittel zu der als unhygienisch empfunden Dichte der historisch gewachsenen Stadt. Viele Satellitenstädte aus dieser Zeit haben einen schlechten Ruf, manche wurden zu Elendsorten, auch weil oftmals geplante soziale Institutionen nicht umgesetzt wurden. Wittigkofen blieb dieses Schicksal erspart. In Wittigkofen kann eine Frau bedenkenlos um 22 Uhr joggen gehen, versichert uns Danae Winter. Dafür scheint sich der durchgrünte Ort besonders gut zu eigenen, zum Flanieren und Sport treiben. Er wirkt idyllisch – vielleicht fast ein bisschen zu schön.
Jane Jacobs hat den «Rasen-Fetischismus» der damaligen Planer kritisiert und wäre Wittigkofen wahrscheinlich mit Vorbehalt begegnet. Aber sie betrachtete die Stadt nicht – wie die ihr verhassten Städtebauer – auf dem Plan, sondern plädierte dafür, vor Ort zu schauen, was funktioniert und was nicht. Sie hätte sich, ähnlich wie wir bei unserem Spaziergang, durch die Siedlung bewegt und mit den Bewohnerinnen und Bewohnern ausgetauscht. Dabei hätte sie erfahren, dass mit dem Weggang der Migros ein wichtiger Ort des sozialen Austauschs weggefallen ist und dass der Quartierverein Mühe hat, neue Mitglieder zu finden, da sich die jüngeren Generationen anders organisieren. Sie hätte aber auch erfahren, dass die Bewohnerinnen und Bewohner von Wittigkofen trotz dieser Herausforderungen ihre Siedlung schätzen und sich in ihr zuhause fühlen.
[Fotos: Sara Wälti]
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